Es ist so gekommen, wie es kommen musste. Ich habe kaum geschlafen im Hotel St. Georges in Romont. Ich hätte es ahnen können, dass das nix wird mit meinem weichen Schlaf. Bis drei Uhr morgens spielte die Musik, danach wurde es langsam ruhiger.
Aber trotz spürbarer Müdigkeit fühle ich mich überraschenderweise gar nicht so platt, wie man das nach einer solchen Nacht annehmen könnte. Trotz wenig Schlaf steht der sechsten Etappe meiner Radtour nichts im Wege.
Ich verlasse Romont und befinde mich schnell wieder mitten im wunderschönen Freiburger Mittelland.
Der Charakter der Umgebung verändert sich im Vergleich zu gestern. Es sind keine hohen und steilen Gipfel wie der Gibloux, sondern sanfte und lange Hügelzüge, die das Landschaftsbild der heutigen Etappe prägen werden.
Die Weitblicke sind herrlich. Trotz einem Minimum an Bettruhe fühle ich mich gut und komme bestens voran.
Es geht ständig rauf und runter. Es sind aber keine steilen Rampen, sondern angenehme Aufstiege, die sich gut fahren lassen.
Ich durchquere Ortschaften wie Lovatens, Curtilles, Lucens, Neyruz-sur-Moudon – alles mir unbekannte Dörfer, deren Namen ich im Vorfeld noch nie gehört habe. Ich geniesse diesen Umstand, dass auch heute jeder einzelne Meter Neuland für mich ist.
Immer mal wieder fahre ich auf der Route Nr. 63 Gros de Vaud–La Côte, so auch nach dem Dörfchen Fey, wo die Strecke durch ein schönes Waldstück führt.
In Villars-le-Terroir mache ich bei der Kirche eine Pause. Im Allgemeinen möchte ich an dieser Stelle die Schönheit der Gotteshäuser in der Welschschweiz erwähnen. Jedes Dorf, und ist es noch so klein, hat eine sehr schöne Kirche.
Ausserhalb von Goumoens-la-Ville radle ich am 37 Meter hohen Wasserturm vorbei. Sieht man auch nicht alle Tage.
Die Gegend bleibt offen und weitläufig.
Im Hintergrund erblicke ich zum ersten Mal den Jura. Da wird meine Tour hinführen die nächsten Tage. Dann wird sich das Landschaftsbild ein erneutes Mal verändern.
Orbe ist die nächstgrössere Ortschaft.
Eine weitere Gemeinde, die ich bisher nicht kannte. Orbe hat eine wundervolle Altstadt. Heute ist Markt angesagt – die perfekte Gelegenheit, mich zu verpflegen.
Ich schlendere ein bisschen durch die Gassen, da ich zeitlich gut dran bin.
Etwas später mache ich mich an den Schlussanstieg zum heutigen Ziel. Noch rund 250 Höhenmeter gilt es zu bewältigen.
Das kriege ich auch noch hin und erreiche früher als gedacht das Hotel St. Romain in Romainmôtier. Es ist erst halb drei. Trotzdem kann ich mein Zimmer schon beziehen, was ich sehr schätze. Von Patrick, dem Gastgeber, werde ich sehr freundlich begrüsst.
Die Ortschaft Romainmôtier liegt idyllisch eingebettet in einem Tal am Fluss Nozon, umgeben von bewaldeten Hügeln. Ich bin glücklich hier zu sein. Wie ein verborgenes Juwel nahm ich diesen Ort auf der Karte wahr, als ich in den Vorbereitungen dieses Cross war. Hier nun anzukommen, ist das vorläufige Highlight meiner Reise. Alles was jetzt noch kommt, wird Zugabe sein.
Der Ort entstand rund um die Klosteranlage und profitierte über Jahrhunderte von deren Bedeutung. Genau diese Klosteranlage, welche die Älteste der ganzen Schweiz ist, ist der Grund, weshalb ich hier bin. Das wollte ich mir schon lange mal ansehen. Aufgrund meiner frühen Ankunft habe ich genügend Zeit für einen ausgiebigen Rundgang.
Von außen wirkt die Kirche mit ihrem hellen Naturstein eher schlicht und erdig. Der leicht gelbliche bis graue Kalkstein harmoniert mit dem Dorfensemble. Im Zusammenspiel mit der Sonne, die den Bau wunderbar ausleuchtet, gibt das ein einzigartiges Gesamtbild.
Dann mal rein in die gute Stube. Ich bin sehr gespannt.
Nach Öffnung der Eingangstüre gelange ich in einen Vorraum, der eher düster erscheint. Am Ende dessen eine weitere Türe. Ich fühle mich wie in einem Illuminatifilm.
Der nächste Raum ist dann das Hauptschiff. Auch hier dominiert die Schlichtheit der romanischen Architektur.
Aber: Schlicht bedeutet nicht arm an Ausdruck. Romanische Kirchen wie Romainmôtier hatten ursprünglich bunte Fresken an Wänden und Decken, die das Innere belebt und mit Symbolik gefüllt haben. Heute wirken sie karger, weil vieles verloren ging.
Das Mittelschiff ist deutlich höher als die Seitenschiffe. Es wird von mächtigen Pfeilern getragen, auf denen Rundbogenarkaden ruhen. Äusserst eindrücklich!
Ich setze mich auf einen Stuhl und gehe meinen Gedanken nach. Ein Gefühl der Dankbarkeit erfüllt mich. Sechs Tage bin ich nun schon unterwegs und habe soviel erlebt und gesehen. Alles ist gut gegangen bisher.
Die Tour ist noch nicht zu Ende und ich hoffe, dass es bei den nächsten Etappen ebenfalls keine nennenswerte Zwischenfälle geben wird.
Nach dem Besuch im Kloster gibt’s Schweinefilet, Bohnen und Nudeln zum Abendessen. Alles ist sehr lecker.
Den Tag lasse ich mit einem kurzen Verdauungsspaziergang durch das kleine Dorf ausklingen. Das Kloster ist klar der Hauptdarsteller von Romainmôtier, doch der schmucke Dorfkern ist ebenfalls sehr schön.
Was war das für ein toller Tag. Nach einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht fuhr ich mit leichten Bedenken bezüglich meines Krafthaushalts los. Am Ende machten die Beine super mit. Die Gegend mit den sanften Hügelzügen, rüber vom Freiburger Mittelland in den Kanton Waadt an den Jurasüdfuss, war sehr abwechslungsreich und absolut lohnenswert. Mit wahrscheinlich ein bisschen mehr Schlaf geht’s morgen weiter mit Tag Nummer sieben.
Distanz: 62 km / Fahrzeit: 4 h 01 min / Höhenmeter: 990 hm

































