Von der Rhône zu den Giganten, 4. Etappe: Vizille – L’Alpe d’Huez

Der vierte Tag beginnt – er ist seit Anfang dick markiert in der Agenda dieser Reise. Heute werde ich mit meinem Fahrrad auf die Alpe d’Huez fahren. Einer der bekanntesten Aufstiege der Tour de France – wenn nicht der bekannteste. Ich freue mich, den Mythos Alpe d’Huez zu erleben, und bin gespannt, wie ich die gut 1’100 Höhenmeter hinaufkommen werde.

Am Fusse des Anstiegs werde ich erst um die Mittagszeit sein, der Vormittag ist also dem Warm-up gewidmet. Der erste Teil der Strecke nach dem Start in Vizille führt meist auf der verkehrsreichen Strasse. Es geht stets leicht bergauf und rollt sich ganz gut.

Der Velostreifen ist breit genug, die Autofahrer nehmen Rücksicht – trotz Hauptstrasse alles gut.

Ab und zu verlässt der Radweg die Strasse und führt durch eine kleine Ortschaft namens Gavet.

Direkt danach geht’s auf einem sehr schönen Weg dem Fluss entlang – so könnte es immer sein.

Ein weiteres Stück auf der Hauptstrasse später bin ich in Rochetaillée. Hier könnte man geradeaus über den Col de la Croix de Fer oder den Col du Glandon fahren – alles ebenfalls bekannte Pässe der Tour. Ich aber biege rechts ab und fahre auf einem wunderschönen Veloweg nach Le Bourg-d’Oisans.

Nach der lauten Strasse tut dieser Radweg richtig gut. Ich rolle über den feinen Asphalt, geniesse die Ruhe, den rauschenden Fluss und die warme Sonne.

Weit ist es nicht bis nach Le Bourg d’Oisans.

Die Ortschaft ist schön herausgeputzt und mir gefällt’s auf Anhieb hier.

Ich finde sogar ein Restaurant, das mir um halb zwölf eine Teller Pasta serviert. So wie ich die französischen Gaststätten die letzten Tage kennengelernt habe, gibt es im Normalfall vor zwölf Uhr nichts zum Essen.

Die Pasta sind lecker und füllen meine Speicher wieder auf. Das wird nötig sein für den Nachmittag.

Die Tour ist allgegenwärtig hier. Für uns Radfahrer strahlt die Ortschaft einen tollen Vibe aus.

Nun geht’s los, der Anstieg zur Alpe d’Huez startet. Ich freue mich und fahre mit einem breiten Grinsen in die ersten Meter dieses legendären Aufstiegs rein.

21 Kehren sind es bis nach oben. Alle sind nummeriert und einem Sieger der jeweiligen Touretappe gewidmet.

Kurve um Kurve winde ich mich hinauf. Ich fühle mich sehr gut und fahre in gleichmässigem Rhythmus.

Die Sonne scheint, es ist angenehm warm – die Bedingungen könnten kaum besser sein. Ich geniesse den Anstieg, auch wenn es stetig bergauf geht. Die durchschnittliche Steigung der kompletten Auffahrt liegt bei knapp 8 %, der steilste Kilometer bei 11,5 %. Dank meiner kleineren Übersetzung komme ich weiterhin gut voran.

Kehre 15 – die Nummerierung verläuft abwärts. Somit sind die ersten sechs bereits geschafft.

Kehre 14 ist Beat Breu, dem bisher einzigen Schweizer Sieger auf der Alpe gewidmet.

Kehre 12 gehört unter anderem Tom Pidcock, dem bisher letzten Gewinner aus dem Jahre 2022. Einige Kehren sind zwei Siegern gewidmet, da es inzwischen mehr gefahrene Bergankünfte gibt, als vorhandene Serpentinen.

Blick zurück – was für eine tolle Aussicht.

Und die Aussicht wird nach jeder Kurve besser. Auch spüre ich, dass ich nicht irgendeinen Anstieg rauf fahre, sondern ich bin dabei, die Alpe d‘ Huez zu bezwingen. Am Ende des Tages ist es ein Aufstieg von rund 1’100 Höhenmeter – nichts, was ich nicht schon gemacht hätte. Und doch ist es anders, einfach irgendwie anders… Wie im Winter, wenn ich mit den Skis die Lauberhornabfahrt hinunterfahre. Ist eigentlich auch nur eine Skipiste, aber trotzdem jedesmal ein spezielles Gefühl.

Vielen Dank dem unbekannten Fan!

Etwa 400 Höhenmeter vor dem Ziel führt die Strecke durch die Ortschaft Huez. Von hier kann ich die ersten Gebäude des Zielortes erkennen.

Weit ist es nicht mehr. Kehre 3 ist dem legendären Marco Pantani gewidmet, der mit 37:35 min den Rekord für die Auffahrt hält. Ich hingegen liebäugle mit einer Zeit unter zwei Stunden – mal schauen, ob es reicht.

Ziel in Sicht!

In der Ortschaft angekommen, ist die Strecke auf dem Asphalt markiert – so fährt man garantiert auf der originalen Tour-de-France-Route. Wehe dem, der sich verfährt!

Bei der Avenue de l’Étendard geht’s kurz leicht bergab, dann folgt die letzte Linkskurve und die finalen Meter bis zum Torbogen. Ich erreiche das Ziel mit einer Zeit von 1 h 58 min – unter zwei Stunden! Vor allem aber zählt: Ich habe es geschafft. Ich bin einfach glücklich, hier oben zu stehen.

Dies gilt auch für ein knappes Dutzend anderer Velofahrer:innen, die sich gegenseitig gratulieren, Fotos machen und das Erlebnis teilen. Die Stimmung ist locker, man spürt den Mythos Alpe d’Huez.
Gleich nebem dem Ziel ist ein Podest mit einer Tafel, wo die Sieger der jeweiligen Tour de France Etappe aufgelistet sind.

 

Gleich neben dem Ziel steht ein Podest mit einer Tafel, auf der alle Sieger der Tour-de-France-Etappen aufgelistet sind. Wären wir Radler nicht hier, wäre es fast gespenstisch ruhig. Kaum Touristen, nur Sonne und der Berg. Im Winter sieht das ganz anders aus – die Alpe ist ein beliebtes Skigebiet.

Aber passt für uns. Wir geniessen die Atmosphäre und das einzigartige Gefühl, hier oben zu sein.

Da die Alpe d’Huez stets eine Bergankunft bei der Tour de France ist, endet natürlich auch meine Etappe hier oben. Ich habe mir ein Zimmer in einem der wenigen Hotels gebucht, dass überhaupt noch offen hat. Im Hotel Pop Alp werde ich freundlich empfangen und kann mein Zimmer beziehen.

Nach dem Check-In schlendere ich durch die ausgestorbene Ortschaft. Dank der Sonne ist es immer noch angenehm warm.

Man liest oft von der „Retortenstadt Alpe d’Huez“. Natürlich ist hier alles auf den Wintertourismus ausgerichtet, doch mir gefällt’s trotzdem. Statt Betonklötzen dominieren hübsche Chalets, Hotels und Holzhäuser. Ich könnte mir gut vorstellen, hier einmal Ski zu fahren.

Der heutige Tag wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Den Gedanken, einmal hier hinaufzufahren, hatte ich schon lange. Immer schön, wenn sich solche Ideen irgendwann verwirklichen lassen. Morgen geht’s weiter mit der fünften Etappe.

Distanz: 51 km / Fahrzeit: 3 h 57 min / Höhenmeter: 1’520 hm

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