Von der Rhône zu den Giganten, 5. Etappe: L’Alpe d’Huez – Col du Galibier – Valloire

Gestern die Alpe d’Huez, heute der Col du Galibier. Ein Klassiker jagt den Nächsten. Ich hab ordentlich Respekt vor dem heutigen Tag – es wird die Königsetappe meiner gesamten Tour sein. Ich bin gespannt, wie die Beine mitmachen. Es ist ewig her, dass ich 1’600 Höhenmeter am Stück bergauf gefahren bin. Am Ende wird es sich wohl nur noch im Kopf abspielen.

Aber natürlich freue ich mich auf die heutige Tour und stelle mich der Challenge. Man hat nicht jeden Tag die Gelegenheit, Tour-de-France-Luft zu atmen und die grossen, bekannten Pässe zu fahren. Das Wetter ist top, ich hab den ganzen Tag Zeit – wird schon schief gehen.

Ich verlasse die legendäre Alpe d‘ Huez bei noch frischen Temperaturen, aber herrlichstem Sonnenschein. Trotz Begriffen wie „Retortenstadt“ – mir hat’s gefallen hier.
Ich werde nicht wieder die 21 Kehren ins Tal fahren, sondern via Col de Sarenne zum Lac du Chambon fahren. Dort wird der Aufstieg zum Galibier beginnen.

Nach verlassen des Skiorts radle ich an einer friedlich weidenden Schafherde vorbei.

Ausser den Tieren treffe ich niemanden an. Ich geniesse die herrliche Morgenstimmung!

Bald geht’s runter und ich fahre in ein einsames Tal rein.

Ein kurzer Anstieg von rund 200 Höhenmetern bringt mich auf den wunderschön gelegenen Col de Sarenne.

Hier oben treffe ich auf eine Gruppe Mofafahrer, ansonsten bin ich allein und erfreue mich an der eindrücklichen Landschaft.
Der Col de Sarenne war 2013 Teil der 18. Etappe der 100. Tour de France, die durch seine Überquerung eine zweimalige Bezwingung der Alpe d‘ Huez in einer einzigen Etappe ermöglichte. Einige Fahrer kritisierten die Routenführung; die Strasse sei zu schmal und zu gefährlich – vor allem die Abfahrt zum See runter.

So sehen die ersten Meter des Downhills aus. Und ja, für ein Radrennen sicher keine einfache Abfahrt – mein erster Eindruck bestätigt das. Nächstes Jahr, 2026, wird die Tour wieder über den Sarenne führen, diesmal in umgekehrter Richtung – vom Lac du Chambon bergauf, mit Ziel auf der Alpe d’Huez.

Glücklicherweise muss ich nicht einem Peloton nachjagen, sondern kann mein eigenes Tempo fahren. So mache ich mich an die Abfahrt ran.

Die Strasse schlängelt sich das Tal runter. Es hat immer mal wieder Schlaglöcher und ausgebesserte Stellen. Feinster Asphalt ist anders. Für mich und meinem Gravelbike kein Problem, doch ein Radrennen hier runter? Nun gut, nächstes Jahr fahren sie von dieser Seite bergauf, das wird kein Problem sein.

Jetzt aber wieder zurück zu meiner Tour. Clavans-le-Haut ist die erste Ortschaft seit dem Start.

Die Abfahrt geht weiter und schon bald sehe ich den Lac du Chambon. Dort beginnt der 1’600 hm lange Anstieg zum Col du Galibier.

Unten angekommen mache ich erst noch eine kurze Pause bei der Staumauer. Auch hier ist es einfach wunderschön.

Ich esse kurz was, komme mit ein paar Radlern aus der Region ins Gespräch und fahre dann wieder los. Galibier, ich komme!

Der erste Abschnitt durchs schmale Tal zieht sich. Ich komme zwar voran, doch die ersten 16 km weisen im Schnitt nur 3 % Steigung auf – gefühlt geht es kaum bergauf. Der Kopf beginnt mitzuspielen.

Trotzdem: Es ist herrlich hier, und die Autofahrer nehmen grosse Rücksicht. Kein einziges Mal entsteht eine gefährliche Situation – sehr angenehm.

In La Grave genehmige ich mir eine Portion Pasta. Die wird auch heute wieder nötig sein.

Gestärkt geht’s weiter. Und nun endlich auch mit spürbarer Steigung von 6 – 8 %. Ich weiss nicht warum, aber dieses leichte Bergauffahren von rund 3 % über längere Strecken mag ich einfach nicht. Irgendwann werde ich unruhig auf dem Sattel, weiss nicht mehr wie sitzen – ist einfach nicht mein Ding. Ein bisschen steiler fühlt sich für mich einfach besser an.
Die nächste schöne Ortschaft nach dem Mittagessen ist Villar-d’Arêne.

Es geht gleichmässig rauf, bald verlasse ich die Baumgrenze.

Die Gegend ist ein Traum. Trotz aufkommender Müdigkeit geniesse ich die tolle Umgebung.

Ich versuche, eine gleichmässige Geschwindigkeit zu fahren – was mir sehr gut gelingt. Immer weiter nach oben, immer weiter…

Der Col du Lautaret auf 2’058 m ist einer der Fixpunkte im Aufstieg zum Galibier. Hier könnte man auf der anderen Seite nach Briançon fahren. Im Vorfeld überlegte ich, hier die Etappe zu beenden, doch es ist erst halb drei – also weiter nach Valloire.

Nach einer kurzen Pause biege ich links ab, um die finalen 600 Höhenmeter zu bezwingen.

Nach den ersten Metern noch einmal ein Blick zurück…

und dann gilt der Fokus dem Schlussanstieg.

Die Strasse wird schmaler und windet sich gleichmässig nach oben. Ich komme immer noch gut voran, werde dann aber auf der Passhöhe sicherlich froh sein, wenn der Aufstieg zu Ende ist.

Die Gegend ist weiterhin atemberaubend schön!

Ruhe in Frieden, Gino!

Grandiose Szenerie. Trotz müder Beine ist es grossartig, hier zu sein.

Rund 100 Höhenmeter vor der Passhöhe befindet sich das Denkmal für Henri Desgrange. Er war der Gründer der Tour de France. Natürlich darf das obligate Foto nicht fehlen.

Dann geht’s auf den letzten Abschnitt. Ich kann den Peak schon sehen.

Die Autofahrer haben hier die Möglichkeit, einen Tunnel zu durchqueren. Für uns Radler kein Thema, wir wollen ganz rauf. Und verboten wäre es sowieso.

Also los, es ist nicht mehr weit!

Die letzte Kehre.

Und dann habe ich es tatsächlich geschafft. Der Col du Galibier auf 2’642 m ist bezwungen!

Mal ein erster Blick Richtung Norden, dort wo meine Strecke anschliessend runter führen wird.

Auch der Blick zurück lohnt sich. Es ist unglaublich hier oben!

Ich bin überglücklich, diesen mythischen Pass erklommen zu haben. Auch wenn es lang war, war es ein grossartiger Aufstieg.

Es herrscht eine lockere Stimmung. Immer wieder kommen weitere Velofahrer an, man tauscht sich aus, macht Fotos, gratuliert sich gegenseitig. Alle sind glücklich, hier oben zu sein.

Es ist schon vier Uhr und die Temperaturen kühler als noch im Tal unten. Ich packe mich warm ein und starte zur Abfahrt.

Das nächste Bild spricht Bände – die Abfahrt rockt!

Ich rausche nach unten, kaum Verkehr, viel Übersicht – der Downhill macht grossen Spass!

Etwas vor fünf Uhr komme ich in Valloire an.

Beim Hotel l‘ Aiguille Noire beende ich diesen spektakulären Tag.

Das Personal ist sehr freundlich und das Zimmer geräumig und schön. Passt!

Vor dem Abendessen mache ich einen Spaziergang durchs Dorf. Auch hier kriegt man vor sieben Uhr nichts zu essen. Ich mag es eigentlich lieber, wenn ich etwas früher essen kann, um nicht mit vollem Magen ins Bett gehen zu müssen. Aber gut; andere Länder, andere Sitten – ich komme klar damit.

Dafür ist auch jede Mahlzeit lecker. Kochen können sie, die Franzosen. Auch dieses Entrecôte schmeckt vorzüglich.

Und Dessert funktioniert eh immer.

Was für ein Tag! Der Col du Galibier hat mir einiges abverlangt – eine echte Geduldsprobe. Ein tolles Gefühl, diesen legendären Pass bezwungen zu haben.
Fünf Tage sind nun geschafft. Ganz so frisch wie in Genf bin ich nicht mehr, aber das war zu erwarten – vor allem nach diesen beiden Bergetappen. Morgen wird’s wieder flacher und gemütlicher. Meine Tour de France ist also noch nicht vorbei.

Distanz: 75 km / Fahrzeit: 5 h 16 min / Höhenmeter: 1’945 hm

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2 Gedanken zu „Von der Rhône zu den Giganten, 5. Etappe: L’Alpe d’Huez – Col du Galibier – Valloire“

  1. Lese deine Reportagen immer wieder gerne. Heute hat es mich an meine Grand Tour des Alpes erinnert. Und gell die Südrampen sind immer schöner. Beste Grüsse.

    1. Danke Dir Heinz für deinen schönen Kommentar. Ja bei den Südrampen scheint halt immer die Sonne – wobei es bestimmt auch irgendwo schöne Nordrampen gibt :-).

      Liebste Grüsse
      Chregu

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