Von der Rhône zu den Giganten, 8. Etappe: Annecy – Genf

Die Schlussetappe steht an. Nach einer angenehmen Nachtruhe und einem leckeren Frühstück mache ich mich bereit für den letzten Tanz. Im Gegensatz zu den vergangenen beiden Tagen wird es heute wieder eine hügeligere Angelegenheit – ich freue mich darauf und bin bereit.

Nicht nur den Flüssen entlang und den Wäldern hindurch gibt es in dieser Region schöne Radwege, sondern auch in den Städten drin. Aus Annecy komme ich quasi vom Hotel weg auf Velopfaden aus der City. Radwege können sie, die Franzosen!

Irgendwann wird es ruhiger und ich verlasse das märchenhafte Annecy. Was war das für ein unvergesslicher Aufenthalt gestern Abend in der Altstadt – ein wirklich einzigartiger Ort.
Metz-Tessy ist die erste Ortschaft nach dem Start. Eines dieser verschlafenen Nester, wie man sie oft antrifft in dieser Region. Und das soll keinesfalls negativ gemeint sein – ich mag diese ruhigen Dörfer sehr.

Das Gelände wird wellig und abwechslungsreich – ständig rauf und runter, aber ohne steile Rampen drin. Gefühlt nach jeder Kurve sieht die Gegend anders aus.

Und siehe da: Ein kurzer, flowiger Trail säumt meine Strecke. Dann bin ich doch nicht vergebens mit dem Gravelbike unterwegs.

Die Hängebrücke Pont de la Caille lädt zu einer Pause ein. Diese befindet sich auf dem unteren Bild links und ist den Fussgängern und Radlern vorbehalten. Die Hauptstrasse für den motorisierten Verkehr führt rechts vorbei.

Was für ein eindrückliches Bauwerk. Die Brücke überbrückt den Fluss Les Usses in einer Höhe von 147 m.  Sie war eine der ersten Drahtseil-Hängebrücken Europas und bei ihrer Fertigstellung im 1838 bis zum Jahr 1912 die höchste Brücke der Welt.

Der Blick in die Schlucht runter ist genau so beeindruckend.

Kurz nach Verlassen dieses imposanten Bauwerks konfrontiert mich mein Navi mit dem anstehenden Programm. Ein Anstieg von 14.7 km und 716 hm steht auf der Menukarte. Der grüne, abwärtsführende Teil wird wohl Cruseilles sein. Dort habe ich die Mittagspause geplant.

Weit ist es nicht bis zur selbigen Ortschaft und tatsächlich geht es bei der Dorfeinfahrt leicht runter. Ich bin etwas vor halb zwölf hier und frage in einem Restaurant nach einem Platz zum essen. Freundlich werde ich darauf hingewiesen, dass die Küche erst um zwölf öffnet. Eine Crêperie daneben, die sogar salzige Crêpes anbieten würden, öffnet ihre Türen erst um zwölf. Die Franzosen und ihre Essenszeiten – da bleiben sie ihrer Linie treu.

Ich hätte natürlich eine halbe Stunde warten können, kein Problem. Doch im Dorf gibt es auch eine Bäckerei, die grosse Sandwiches und feine Süssigkeiten anbieten. Problem gelöst!

Ein paar Meter nebenan hat es eine schöne Bank. Dort verspeise ich das Meiste der eingekauften Leckereien gleich wieder.

Ausgangs Cruseilles macht mich eine Tafel darauf aufmerksam, dass der Aufstieg zum Col des Pitons nun auch offiziell beginnt.

Kaum verlasse ich das Dorf bin ich mitten in der Natur. So gut wie kein Verkehr – ich rolle gemütlich bergauf.

Der Anstieg geht mit rund 5 – 6 % sehr gleichmässig bergauf. Ich komme auch heute gut voran.

Nach jedem Kilometer gibt eine Tafel den Hinweis, wie viele es noch bis oben sind.

Weit ist es nicht mehr bis zum Peak. Es gibt ständig Abschnitte, die aus dem Wald führen und diese umwerfende Aussicht freigeben.

Im Hintergrund in der Mitte ist der Lac d’Annecy zu erkennen. Dort bin ich heute morgen gestartet.

Obwohl es noch 3 Kilometer bis zur Passhöhe sind, ist die Aussicht jetzt schon unglaublich.

Nach dem Erreichen des Col des Pitons rolle ich über eine Hochebene, die an Schönheit kaum zu überbieten ist. Ich bin sprachlos!

Dem ganzen wird noch die Krone aufgesetzt, als ich den Genfersee erblicke. Noch selten hat mich eine Aussicht so umgehauen.

 

So sehen glückliche Biker aus.

Nach dem Weiler La Croisette folgt ein letzter kurzer Anstieg von etwas mehr als 100 Höhenmetern.

Dann erreiche ich einen Parkplatz. Ein kurzer Wanderweg führt auf ein Aussichtsplateau. Natürlich lasse ich mir dies nicht entgehen und kann mit dem Gravelbike sogar rauffahren.

Oben dann eine Rundumsicht, die kaum zu beschreiben ist.

Ich befinde mich hier übrigens auf dem Mont Salève. Dieser Bergrücken zieht sich von Cruseilles (wo ich vorhin Mittag machte) bis runter zum Genfersee. Die Tour de France war in der Vergangenheit immer mal wieder zu Gast hier und wird dies auch im Jahr 2026 wieder sein. Wäre also eine Möglichkeit für uns, mal die Fahrer der Tour anzufeuern. Näher zur schweizer Grenze geht’s kaum.

Dann rolle ich langsam aber sicher runter ins Tal.

Bei der Bergstation der Luftsteilbahn hier rauf muss ich aber nochmal anhalten. Der Genfersee ist zum Greifen nah. Was für Bilder, was für Farben, was für ein Abschluss dieser acht Tage!

Annemasse ist die letzte Gemeinde auf französischem Boden. Die Ortschaft ist nahezu mit Genf verschmolzen – ich nehme den Übertritt in die Schweiz kaum wahr, die Grenze ist nur minim markiert.

Und schwupps stehe ich mit meinem Bike wieder am Lac Léman mit Blick auf den Jet d’eau. Hier schliesst sich der Kreis, hier endet die Tour.

Acht phantastische Tage in Frankreich sind vorbei. Erneut kann ich überglücklich und dankbar auf eine mehrtägige Radtour zurückblicken. Mein neues Gravelbike hat sich super bewährt. Es war bestimmt nicht der letzte Cross mit dem guten Stück – wobei diese Tour im Endeffekt eher eine Rennradreise war. Ich würde sagen: rund 95 % Asphalt, aber das spielt keine Rolle. Das Gesamterlebnis zählt – und das war gross, sehr gross.

L‘ Alpe d‘ Huez, Col du Galibier und heute der Mont Salève – um nur die drei grossen Highlights zu erwähnen. Jede Etappe war schön für sich alleine. Jeden Tag gab es viel zu sehen und entdecken. Überall freundliche Leute und leckeres Essen – besonders hervorzuheben gilt natürlich die französische Patisserie :-).

Es fehlt nicht an neuen Ideen für neue Touren – und weitere Abenteuer kommen bestimmt.

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Distanz: 69 km / Fahrzeit: 4 h 21 min / Höhenmeter: 1’235 hm

3 Gedanken zu „Von der Rhône zu den Giganten, 8. Etappe: Annecy – Genf“

  1. Der einzige vorteil der heuer früh einsetzenden grippesaison, ich kam endlich dazu den bericht deiner gravelreise in voller länge zu lesen. DANKE fürs mitnehmen, hat spass gemacht!

    Vor allem die bilder von der L’Alpe d’Huez machen lust, das MTB auch mal für ferien gegen das gravelbike einzutauschen. Ich bin zwar nicht so der bikepacking-typ, aber so ein paar (wenig durch autos befahrene) pässe, würden mich schon reizen.

    Wünsche dir schöne festtage und nen guten rutsch in die neue bikesaison 🙂

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